8. Januar 2012

Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung

Es ist also wieder so weit: die Semesterferien neigen sich rasant dem Ende zu, Referate, Prüfungen und Hausarbeiten rücken in greifbare, bedrohliche Nähe und so werden all die fabelhaften Geschenke notdürftig in dem viel zu kleinen Koffer verstaut, die Liebsten noch einmal gedrückt und schweren Herzens die fünfstündige Zugfahrt gen Studienstadt in Angriff genommen. An dieser Stelle muss ich gestehen: Ich bin nicht so der Zug-typ. Also, ich fahre häufig Zug, aber nur notgedrungen (armer Student). Irgendwie riecht es in Zügen IMMER seltsam, mein Hinterteil tut schon nach kurzer Zeit fürchterlich weh und ich versuche den Rest der Fahrt eine Sitzposition zu finden, bei der ich nicht das Gefühl habe, den Zug als Invalide verlassen zu müssen. Zudem suche ich mir mit unbeirrbarer, 100%iger Sicherheit das Abteil aus, in dem eine Station später eine Gruppe grölender Fußballfans Platz nimmt. Das einzige, was eine Zugfahrt da aufwertet, ist ein reich gefülltes Lunchpaket und eine gute Lektüre.
Womit wir schon das Dilemma hätten:
Denn jedes Mal aufs Neue stehe ich da, vor dem Zeitschriften-Regal, und führe die immergleiche, unendliche innere Diskussion: Spiegel oder Glamour/Joy/...? Auf meiner linken Schulter hüpft ein geflügeltes Etwas hyperaktiv auf und ab, erzählt etwas von politischer Weiterbildung, Erwachsen-Werden, Fahrzeit-ausfüllendem Lesestoff und anspruchsvollem, investigativem Journalismus, während mir sein böse Pendant Versprechungen von seichtem Berieseln-lassen, bunten Bildern, Liebestests, Promiklatsch und erschwinglichen Preisen ins rechte Ohr raunt. Der Ausgang dieses inneren Kampfes ist jedes Mal ungewiss. Manchmal verleitet mich die böse Seite der Macht dazu, mir seitenweise Diskurse à la "kirschroter-oder-doch-lieber-orangeroter-Lippenstift" anzutun (Hallo? der, der nach Kaugummi schmeckt, ist doch klar?!) und manchmal kann ich guten Gewissens nach 5-stündiger Lektüre aus dem Zug steigen,mir auf die Schultern klopfen und mich dafür beglückwünschen, was für ein belesener, mündiger Bürger ich doch bin.

Aber heute dann, die Erkenntnis. Gerade hatte mich die Verheißung "57 Gründe sich aufs Neue zu freuen" wieder einmal dazu bewogen journalistische Abgründe zu erkunden, als ich auf die Seite mit den Leserbriefen gelangte und mir auf einen Schlag klar wurde:
Ich kannte jeden Artikel, zu denen diese Leser dort Stellung nahmen! Ein zweiter Blick - konnte das wirklich sein? Aber da half kein Leugnen, kein Wegschauen. Oh ja, ich wusste genau, welchen Artikel der Beauty-Praktikantin eine Leserin da über alle Töne lobte. Ich kannte jene Zeilen, die von sich selbst behaupteten "mit allen Make-up-Vorurteilen aufzuräumen".

Von daher, und nach diesem Schock, dieser Schmach, dieser niederschmetternden Offenbarung gelobe ich feierlich auf den nächsten 20 10 Zugfahrten kein Lifestyle-Magazin auch nur mit einer Fingerspitze zu berühren, geschweige denn darin zu lesen, oder sie mir, Gott bewahre, etwa zu kaufen. Nur noch ehrlicher, kritischer, politischer Journalismus - versprochen!

Kommentare:

  1. Du sprichst mir aus der seele! genau das gleiche erlebnis hatte ich am vergangenen donnerstag ^^
    habe mich auch für die "ruck-zuck-dünn-star-diät"- variante entschieden... aber zum letzten mal!

    groetjes

    ps: das foto aus dem zug ist echt toll!

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  2. Hihi, so geht´s mir auch immer. Oft siegt dann wirklich die dunkle Seite der Macht, weil ich die Zeitschriften nie für Zugfahrten sondern für die ruhigen Phasen in meinem Nachtdienst brauche und mir die anspruchsvollen Angebote für die Uhrzeit oft zu anspruchsvoll snd. Als Ausgleich schau ich dann extra viel Phönix & Co *breitgrins*

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